23.–24. Oktober 2018 | Kameha Grand, Bonn

Andrew Keen: Sillicon Valley bejubelt jede Disruption16.09.2015

Andrew Keen ist Internet-Urgestein, flammender Technologie-Liebhaber und war früher Unternehmensgründer. In seinem neuen Buch „The Internet ist not the answer“ schlägt er kritische Töne an und mahnt Gesellschaft und Politik zu einem differenzierteren Blick auf das Internet.

 

Herr Keen, in Ihrem Buch gehen Sie sehr kritisch mit dem Internet ins Gericht. Warum dieser negative Blickwinkel?

 

Andrew Keen: Weil es höchste Zeit dafür ist. Das Internet ist fünfzig Jahre alt, das Web fast 30 Jahre. Beides ist den Kinderschuhen entwachsen und muss sich messen und bewerten lassen. Und wenn man die letzten zwanzig Jahre zurück blickt, hat das Internet praktisch nichts von dem erreicht, was man ihm ursprünglich zugetraut hat. Es hat keine Arbeitsplätze geschaffen sondern vernichtet, es hat keine demokratischeren Strukturen geschaffen, schon gar nicht in der Wirtschaft, unzählige Unternehmen beschäftigen sich den ganzen Tag nur damit, die Nutzer auszuspionieren. In vielen Bereichen ruiniert das Internet unsere bestehenden Systeme und Kulturen.

Im ökonomischen kann man das nachvollziehen, aber inwiefern gilt das auch für Kultur. Gibt das Internet nicht jedem die Chance bekannt zu werden, auch ohne die Anschubfinanzierung eines Plattenlabels?

 

Keen: Die Chance im Lotto zu gewinnen ist höher. Es sind nur ganz ganz wenige, die zum Beispiel durch digitale Mundpropaganda berühmt werden. Die YouTube-Starts zum Beispiel. Aber für die meisten Künstler ist es enorm schwer, so viel zu verdienen, dass sie davon leben können. Die Disparität zwischen den wenigen Erfolgreichen und den vielen, die es vergeblich versuchen, wird größer. Seit 1999 haben sich die Plattenverkäufe halbiert. Gleiches gilt für Journalismus, Fotografie, Bücher und andere Kulturgüter. Immer geht der Mittelbau verloren und das ist übrigens in der gesamten Wirtschaft so.

 

Aber die Menschen entscheiden doch nach wie vor selbst, was sie hören, lesen oder sehen wollen.

 

Keen: Das stimmt, aber das Internet verdichtet das. Vor zehn, fünfzehn Jahren haben wir über den Longtail gesprochen über Nischeninhalte, die für kleinere Zielgruppen angeboten werden können. Das hat schlicht nicht funktioniert. Studien zeigen, dass es immer die gleichen Stars, immer die gleichen Formate sind, die erfolgreich funktionieren. Eigentlich sollte es umgekehrt sein.

 

Wie steht es in anderen Themenfeldern. Die politische Meinungsfreiheit ist doch gegeben. Hätte die ägyptische Revolution ohne Internet funktioniert?

Silicon Valley

Andrew Keen: „Social Media ist nicht gut darin, Neues zu erschaffen“

 

Keen: Ja, das ägyptische Beispiel ist offensichtlich. Die Kommunikation hat über diese Kanäle funktioniert, aber schauen Sie sich Ägypten heute an. Hat es substanziell zu mehr Demokratie geführt? Sind kohärente Parteien entstanden? Libyen ist ein gutes Beispiel, dort werden Social Media Kanäle von Terroristen zur Kommunikation genutzt. Social Media ist gut darin, Sachen kaputt zu machen, aber ganz schlecht darin, Neues zu schaffen. Schauen Sie sich die Occupy-Bewegung an. Sie hatte anfangs zumindest klare Feindbilder. Inzwischen hat sich das atomisiert und verliert dadurch an Wirkung. Das Internet ist ein Selfie-Medium. Jeder lebt seinen Individualismus aus. Daran ist das Internet nicht schuld, das ist eine gesellschaftliche Entwicklung. Aber die Idee war ja, dass die globale Vernetzung neue Wertekollektive erschaffen kann. Kann sie nicht.

 

Eine ihrer Kernaussagen in ihrem Buch ist die Forderung nach mehr Regulierung, damit das Internet produktiver und weniger zerstörerisch wird. Das hemmt aber die Entwicklungsmöglichkeiten, wie wir in Deutschland sehen.

 

Keen: Nicht wirklich. Regulierung hemmt Innovation nicht, sie beflügelt sie. Denken Sie an Microsoft und die Regulierung des Browsermarktes. Microsoft hat mit Windows versucht den InternetExplorer im Markt zu verankern, das gleiche macht Google heute mit all seinen Produkten. Und gerade der Browserkrieg ist doch ein gutes Beispiel: Heute haben wir eine Handvoll guter Webbrowser im Wettbewerb miteinander. Es geht um gleiche Spiel- und Startbedingungen für alle. Das Internet in seiner freien Form hat das Gegenteil hervorgebracht, wenn Sie Google, Facebook oder WhatsApp betrachten.

 

Es geht hier nicht um Protektionismus. Es geht nicht darum, dass Regierungen ihre eigenen Wirtschaftszweige vor ausländischen Unternehmen schützen. Es geht um neutrale Instanzen, die entscheiden, ob Marktteilnehmer ihre Marktmacht missbrauchen oder nicht.

 

Im Moment bekommt ja Europa die volle Ladung ab. Das Schlechteste aus beiden Welten. Die eigenen Industrien sind stark reguliert und dadurch nicht dynamisch genug, gleichzeitig hat man eben keine Protektion und ist offen für alle amerikanischen Wettbewerber. Und was passiert? Die klugen deutschen Köpfe gehen ins Silicon Valley. Aber Gott sei Dank nicht alle.

 

Sie sprechen von Berlin.

 

Keen: Ich kenne viele amerikanische Unternehmer und Erfinder, die liebend gerne nach Berlin gehen würden, um dort Geschäft zu entwickeln. Der Spirit ist faszinierend. Zur StartUp-Szene gesellen sich gleichzeitig Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz, soziale Verantwortung. Das fehlt im Silicon Valley komplett. Dort bejubelt man jede Disruption um der Disruption willen. Ob dadurch Arbeitsplätze vernichtet, Existenzen zerstört werden, interessiert nicht.

 

Sie sehen Airbnb oder Uber also eher kritisch?

 

Keen: Kritisch sehe ich vor allem deren Börsenbewertung. Unternehmen mit 50 Mitarbeitern können heute so viel Wert sein wie früher ein Kodak mit zigtausend Angestellten. Das verändert unsere Gesellschaft. Beide Unternehmen sind faszinierend und haben sehr genau erkannt, was den Kunden im Markt fehlt. Aber genau hier kann man sehr gut zeigen, dass Regulierung nötig ist. Wir können nicht darauf warten, bis irgendwelche Selbstreinigungskräfte in Form von Bewertungen oder ähnlichem schlechte Uber-Fahrer oder Airbnb-Anbieter aussortieren. Das Risiko eines fatalen Schadens ist einfach zu groß.

Uber ist für Andrew Keen das perfekte Beispiel für die negative Kehrseite von Disruption und freiem, unreguliertem Markt

Uber ist für Andrew Keen das perfekte Beispiel für die negative Kehrseite von Disruption und freiem, unreguliertem Markt

 

Das hört sich so an, als hätten wir Deutsche das längst verstanden.

 

Keen: Nicht ganz. Ich meine, die Idee Google für den Traffic bezahlen zu lassen, den Google auf die Seiten von Medienhäusern vermittelt, ist doch einfach lächerlich. Aber ansonsten steht Deutschland doch faszinierend da. Die Wirtschaft brummt, die Exporte funktionieren, Angela Merkel schafft als eine der wenigen Regierungschefs ein stabiles Umfeld für die Wirtschaft und die deutschen Ingenieursqualitäten sind legendär. Das kommt doch gerade bei solchen Themen wie 3D-Druck oder Internet of Things zum Tragen. Ihr braucht ein Bisschen mehr Risikobereitschaft, damit endlich ein europäischer Big Player entsteht.

 

Manchmal nehme ich in der breiten Bevölkerung etwas Technologie-Feindlichkeit war. Das muss man ablegen. Auch wenn man Google regulieren muss, so ist die Technologie doch unglaublich genial. Sie hat die digitale Revolution überhaupt erst möglich gemacht. Technologie ist nicht per se schlecht, sie muss nur in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Das Internet ist erwachsen. Es muss Verantwortung übernehmen.

Mr. Keen, vielen Dank für dieses Gespräch. Wir freuen uns auf Ihren Vortrag in Düsseldorf.

Hier finden Sie alle Infos zur NEOCOM, die vom 7.-8. Oktober 2015 in Düsseldorf stattfindet.

Ioana Sträter
Ioana Sträter
Ioana Sträter

Ioana Sträter verantwortete als ehemalige Geschäftsführerin das Kongress- und Messeprogramm von Management Forum, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Handelsblatt. Zum Portfolio gehören neben der NEOCOM auch der Deutsche Handelskongress, der Deutsche Marketingtag, die Content World Konferenz und viele mehr.

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