12.-13. Oktober 2016 | AREAL BÖHLER DÜSSELDORF

Jonathan Reichental: Palo Alto schützt den Handel05.01.2016

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Jonathan Reichental, Ph.D. ist der Chief Information Officer (CIO) der Stadt Palo Alto in Kalifornien. Seine Aufgabe ist es, neue Technologien für seine Gemeinde nutzbar zu machen und zu analysieren, wie man am besten mit disruptiven Playern vom Stile AirBnB oder Uber umgeht. Im Vorfeld der Konferenz Online Handel vom 26.-27. Januar 2016 in Düsseldorf sprachen wir mit ihm darüber, warum eine Stadt einen CIO braucht und was solch ein CIO für den lokalen Handel tun kann. Jonathan Reichental ist einer der Sprecher auf der Konferenz Online Handel.

Jonathan Reichental, Sie sind doch eigentlich Ire. Was hat Sie nach Kalifornien verschlagen?

Jonathan Reichental: Ich habe mich als 16-jähriger für eine Verlosung einer Green Card beworben und wurde ausgewählt. Ich kam zuerst nach Miami und Sie können sich leicht vorstellen, dass Miami für einen 16-Jährigen eine spannende Erfahrung bedeutet. Später war ich Teamleader bei Price Waterhouse Coopers. Dann hatte ich die Freude für Tim O´Reilly zu arbeiten. Das war bereits im Silicon Valley. Und irgendwann 2011 rief ein Headhunter an und bot mir die Stelle als CIO für Palo Alto an. Und das hat mich sehr interessiert, weil ich mich intensiv mit der Zukunft der Städte auseinandergesetzt habe. Tatsächlich war Palo Alto zu dem Zeitpunkt überraschend schlecht aufgestellt im Vergleich zu seinem Ruf als Herz des Valley.

 

Was macht der CIO von Palo Alto?

Die Hälfte der Zeit kümmere ich darum, dass die Stadt läuft, aus technologischer Sicht. Die andere Hälfte der Zeit beschäftige ich mich mit der Zukunft und wie Technologie das Leben der Menschen verändert. Ich kann also auf beiden Ebenen spielen, der gesellschaftlichen und der technologischen.

 

Gibt es viele Städte-CIOs, vor allem in kleineren Städten? In Deutschland kennen wir das nicht.

Sie werden es bald kennenlernen. Das ist unvermeidlich. Eigentlich ging alles los zur ersten Amtszeit von Obama. Inzwischen hat jeder Bundesstaat seinen CIO, die meisten großen Städte wie Boston, Chicago, Los Angeles oder New York haben welche. Immer mehr kleinere Städte und Gemeinden erkennen die Bedeutung des Umgangs mit Technologie für ihre Zukunft. Alles andere wäre ein fataler Fehler. Häufig entwickelt sich das aus dem IT-Departement heraus.
Tweet: @reichental: Städte-CIOs sind unvermeidlich http://ctt.ec/1KjPN+ #NEOCOM

 

Ist AirBnb für eine Gemeinde wie Palo Alto eine Gefahr?

Es gibt keine Industrie, die derzeit nicht durch einen digitalen Wandel geht. Also: Die Dinge ändern sich grundsätzlich. AirBnb ist eben ein Beispiel dafür im Gastgewerbe. Zu Teilen ist das ein Disruptor, aber das vor allem dort, wo das bestehende Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten nicht gut oder davon zu wenig vorhanden ist. Ansonsten ist es ein zusätzlicher Anbieter im Markt und es wird nicht der letzte sein, der die Branche in Bewegung versetzt. Aber ich glaube nicht, dass Airbnb die Hotels verdrängen kann. Das wird nebeneinander existieren und jeder Kunde wird sich überlegen, ob er gerade für diese Reise lieber die Nähe zu Einheimischen, verbunden mit einem sehr individuellen Übernachtungserlebnis sucht, oder ob er lieber den Komfort eines tollen Hotels haben möchte. Ich glaube, das könnte ähnlich sein wie TV versus Kino. Anfangs wurde TV als Disruptor für Kino gesehen und was ist passiert? Es gehen mehr Menschen ins Kino als früher.

Was natürlich eine Herausforderung ist, sind regulatorische Dinge. Wie sorgt man für Sicherheit? Wie erhebt man Steuern? Welche Hygiene-Standards müssen gelten? All diese Dinge. Das war zu Beginn ein furchtbares Durcheinander. Inzwischen sehen wir da aber recht klar. Die Disruption findet fast stärker auf Seiten der Gesetzgebung und Regulierung statt.

 

Wie steht es mit dem Einzelhandel? Unterstützen Sie Retail im Kampf gegen Online?

Reichental: Palo Alto ist eine kleine Stadt mit Einfamilienhäusern. Alles ist gut bebaut, wir können kaum wachsen. Also sind die Ladenflächen in den zwei Einkaufsstraßen University Avenue und California Avenue sehr gefragt. Und zwar nicht nur vom Handel, sondern vor allem auch von den StartUps, die dort ihre Büros betreiben möchten. Das haben wir radikal untersagt. Im Erdgeschoß der Gebäude wird es keine Büros geben, denn Retail bringt Leben in die Stadt, Büros eben nicht.
Tweet: @reichental „Retail bringt Leben in die Stadt, Büros nicht“ http://ctt.ec/H6np8+ #NEOCOM

 

Hohe Nachfrage bedeutet hohe Preise. Kann das der Handel bezahlen?

Reichental: Das ist verdammt schwer, keine Frage. Und es dreht sich verdammt schnell. Shops oder Restaurants sind ein paar Monate lang sehr gefragt, dann ist der Neuheiten-Effekt weg und sie sterben.

Aber wenn wir ehrlich sind, dann muss der Markt das lösen. Der Handel ist ja um ein Vielfaches größer als E-Commerce, und das, obwohl die Menschen alle Smartphones haben, Preise vergleichen und im Internet ein größeres Sortiment finden. Es gibt also etwas, was die Kunden in die Läden treibt. Der Ball liegt im Spielfeld des Handels. Was kann man machen, um das Einkaufserlebnis spannender zu machen? Vermutlich wird ein Teil des Umsatzes sich auf Essen und Trinken verlagern. Das läßt sich online bisher noch nicht replizieren.

 

Jonathan Reichental, CTO der Stadt Palo Alto, erwartet, dass das Internet der Dinge in hohem Maß die Automatenindustrie verändern wird

Jonathan Reichental, CTO der Stadt Palo Alto, erwartet, dass das Internet der Dinge in hohem Maß die Automatenindustrie verändern wird

Kommt hier das Internet of Things ins Spiel?

Reichental: Da gibt es mehrere Stufen. Die erste ist Sicherheit. Die Innenstädte müssen sicher und sauber sein, da ist also zum Beispiel aus technologischer Sicht das Thema Beleuchtung. Dann geht es um das bessere Kauferlebnis. Wir werden im Handel ein viel persönlicheres Erlebnis ermöglichen können, als ein Algorithmus das kann. Der Laden kann ja auch Big Data benutzen, wenn Sie die Erlaubnis dazu erteilen. Mittels NFC oder Smartphone lässt sich der Kunden auch im Laden automatisch erkennen.

Tatsächlich kann Technologie Probleme lösen, die der Handel hat. Zum Beispiel wenn ein bestimmtes Produkt in einer bestimmten Größe nicht verfügbar ist. Das Smartphone kann zeigen, wo der Artikel verfügbar ist. Oder in der Supply-Chain kann der Händler viel schneller nachbestellen.

Dann wäre da das Thema Bezahlung. Mit IoT-Ansätzen können Sie in Zukunft bei jedem Mitarbeiter bezahlen und müssen sich nicht an einer Kasse anstellen. Ich mache das inzwischen recht häufig im Supermarkt und kontaktiere gar keinen Mitarbeiter mehr sondern nutze den Self-Checkout. Hier muß man also unterscheiden zwischen dem alltäglichen Einkauf, der vor allem effizient funktionieren soll und dem besonderen Kauferlebnis.

Tatsächlich glaube ich, dass zum Beispiel ein Thema wie Virtual Reality in der Lage ist, Kunden in den Läden zu treiben, weil ein Teil der Unsicherheit im Kauf verschwindet, der Kunde aber das Produkt dennoch anfassen will. Häufig werden VR und Augmented Reality ja gerne als Strategie des Onlinehandels gesehen, um das Kauferlebnis zu verdichten. Das stimmt auch, ist aber nur eine der Möglichkeiten.

Denken wir das noch einen Schritt weiter, wird vermutlich die Rolle der Verkaufsautomaten eine andere werden. In Palo Alto gibt es ein Café mit vollautomatischer Kaffeezubereitung. Wenn Sie zum Beispiel ein Kundenprofil haben und dort ein Lieblingskaffee hinterlegt ist, dann kann die Maschine das auf Knopfdruck produzieren. Wieder: Das wird nicht die Kaffeehauskultur verdrängen, wie Sie sie zum Beispiel in Europa haben und worum ich Sie sehr beneide. Aber es könnte eine Herausforderung werden für den Kaffee, den ich mir täglich hole, bevor ich ins Büro gehe.

Tatsächlich habe ich in Las Vegas einen Verkaufsautomaten gesehen, wo Schuhe gegen müde Füße verkauft werden. Man kann praktisch alles über Automaten verkaufen. Auch weil die Maschine die Nachfrage messen und zum Anbieter melden kann. Automaten werden an einigen Stellen Menschen ersetzen, aber man muss sehr vorsichtig sein, hier Absolutismen oder Superlative zu benutzen. Vieles davon kommt eher allmählich und vielleicht auch nur zu einem geringeren Anteil.

 

Wenn Sie sagen, dass viele Entwicklungen nur langsam stattfinden, dann wird es schwierig für Händler signifikant zu investieren, weil sich das nicht bald rechnet.

Reichental: Das stimmt, gilt aber nicht für alles. Denken Sie an VR. Die Technologie ist seit 20 Jahren in Entwicklung und das ging sehr ruhig voran. Jetzt scheint das Tempo anzuziehen und gleich mehrere Technologiefirmen springen auf den Zug. Das hat ja auch mit dem Timing zu tun. Manche Technologien müssen zurückkehren, um erfolgreich zu sein. Das Smartphone mit seiner Rechenleistung ist dafür heute ein guter Wegbereiter.

 

Welches Spielfeld für das Internet der Dinge finden sie noch spannend, außer Handel?

Reichental: Es wird viele Bereiche auch unserer kommunalen Dienste berühren. Zum Beispiel haben wir zu wenige Pflegekräfte. Kann Technologie da helfen? Können wir uns Roboter als Pfleger oder sogar als Gesprächspartner für einsame Menschen vorstellen? Erste Studien zeigen, dass die Menschen darauf positiv ansprechen.

Tweet: @reichental „#IoT wird viele Bereiche auch unserer kommunalen Dienste berühren“ http://ctt.ec/7a6XE+ #NEOCOM

 

Jonathan Reichental, vielen Dank für dieses Gespräch.

Twitter: @reichental

Das Interview mit Jonathan Reichental führte Frank Puscher, einer der Moderatoren der Konferenz Online Handel. Hier können Sie sich für die Konferenz registrieren.

 

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Zu einem ähnlichen Thema haben wir vor der NEOCOM 2015 mit Brian Solis, Keynote Speaker und Experte für Digitale Transformation gesprochen. Warum auch Städte seiner Meinung nach Transformation Officer brauchen, lesen Sie hier auf dem NEOCOM Blog.

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Ioana Sträter
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Ioana Sträter

Ioana Sträter verantwortet als Geschäftsführerin das Kongress- und Messeprogramm von Management Forum, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Handelsblatt. Zum Portfolio gehören neben der NEOCOM auch der Deutsche Handelskongress, der Deutsche Marketingtag, die Content World Konferenz und viele mehr.

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