12.-13. Oktober 2016 | AREAL BÖHLER DÜSSELDORF

Skalieren durch stationäre Präsenz – Interview mit Carina Stammermann, Geschäftsführerin MyParfum13.10.2014

Das Zusammenstellen eines Müslimix im Internet scheint simpel, aber bringen die Kunden genug Leidenschaft auf, um ihre eigenen Parfums im Netz zu kreieren? MyParfum beweist, dass das geht und Carina Stammermann scheut den Wettbewerb mit großen Marken nicht.

 

Carina-Stammermann

Frau Stammermann, die Basis für das Geschäftsmodell MyParfum wäre eine gesteigerte Nachfrage der Konsumenten nach personalisierbaren Produkten. Haben Sie das erforscht?

Carina Stammermann, Geschäftsführerin MyParfum: Die Basis für unser Geschäftsmodell ist unser ureigenes Bestreben nach Einzigartigkeit. Schon in der Antike konnten Persönlichkeiten wie Kleopatra diese durch den Luxus eines individuellen Parfums ausdrücken. Mit MyParfum lassen wir diese Tradition aufleben und verbinden sie gleichzeitig auf Innovative Weise mit der Moderne. Der Trend zur Digitalisierung lässt sich aus den Marktzahlen ableiten, das Bedürfnis nach Individualität erkennen neben zahlreichen Experten auch Trendforschungs-Agenturen als Mega-Trend unserer modernen Gesellschaft.

 

Mass Customization wird von vielen Marken vor allem im Bereich Brandbuilding eingesetzt, ohne zusätzliche Erträge abzuwerfen. Was ist bei MyParfum anders? 

Stammermann: Bei uns steht das kundenspezifische Produkt im Mittelpunkt. Wir sind nicht bloß eine weitere Parfum-Marke, sondern etablieren eine komplett neue Produktklasse: das individuelle Parfum. Über 130.000 Duftunikate konnten wir in den vergangenen Jahren bereits herstellen. Sicherlich ist die kundenspezifische Parfum-Produktion mit deutlich höheren Fertigungskosten verbunden. Diese Kosten spiegeln sich in unserem dennoch sehr fairen Preis wieder, den unsere Kunden gerne bereit sind für diesen exklusiven Mehrwert zu zahlen. Gleichzeitig ist unser gesamtes Unternehmen von der Bestellannahme bis zur Fertigung und zum Versand auf Mass Customization optimiert und wir arbeiten mit einem sehr guten Deckungsbeitrag.

 

Das Thema Parfüm ist heikel, weil es zum Beispiel dermatologisch kompliziert ist. Wie fangen Sie das ab? 

Stammermann: Tatsächlich wird Parfum entsprechend der rechtlichen Vorschriften als Kosmetik behandelt. Entsprechend unterliegen wir als kosmetikherstellender Betrieb strengen Auflagen. Zu den europäischen, nationalen und regionalen Vorschriften kommen vor allem auch die Vorgaben des Verbraucherschutzes, der Berufsgenossenschaft und der IFRA. Da wir ausschließlich mit ausgewählten langjährigen und zertifizierten Premium-Lieferanten zusammenarbeiten und eine strenge Qualitätskontrolle haben, können wir exzellente Qualität und dermatologische Unbedenklichkeit garantieren. Für Allergiker stehen unsere Duftexperten bei der Zusammenstellung der Düfte mit Rat und Tat zur Seite.

 

Sie befinden sich in einem schwierigen Marketingumfeld, weil Sie gegen große Marken antreten. Was ist Ihre Strategie?

Stammermann: Der Parfummarkt ist ein sehr spannender Markt, da er zum einem sehr groß und etabliert ist, sich zum anderem jedoch im massiven Umbruch befindet. Der Trend zur Digitalisierung ist allgegenwärtig, Wachstum wird hauptsächlich durch Innovationen erzielt. Die Individualität unserer Produkte ist unser klarer USP und unsere Kern-Marketingbotschaft. Mit über 1.500 auch internationalen Presseberichten, konnten wir bereits erheblich größere Resonanz erzeugen als andere Newcomer-Parfummarken unserer Größenordnung. In den kommenden Jahren werden wir uns mit unserer neuen Produktklasse noch deutlicher abgrenzen.

 

Bestellen die Nutzerinnen hauptsächlich Eigenkreationen oder lassen Sie sich von vorkonfigurierten Vorschlägen leiten? 

Stammermann: Der Großteil unserer Kunden bestellt individuelle Kreationen, sei es für sich selbst oder als persönliches Geschenk. Dabei nutzen die meisten Kundinnen unsere Empfehlungen zu den verschiedenen Duftrichtungen und wählen dann aus den passenden Duftnoten ihre Lieblingsnoten aus. Rund 10% der Kunden lassen sich aber auch von unseren Duftexperten ihr Parfum anhand von detaillierten Vorgaben „maßschneidern“. Die von uns vorkonfigurierten Vorschläge dienen in erster Linie als Inspiration für die Entwicklung eigener Rezepturen und Flakon-Designs.

 

Kann ich auch ein Markenparfüm als Vorschlag benutzen und das dann modifizieren? 

Stammermann: Viele Kunden lassen sich von anderen Markenparfums inspirieren. Im Internet gibt es sehr übersichtliche Blogs und Webseiten, die nähere Informationen zu den Bestandteilen der verschiedenen Parfums geben. Als Inspirationsquelle ist dieses Vorgehen sehr empfehlenswert, allerdings sollte sich jeder Kunde bewusst sein, das jedes Parfumhaus seine eigenen Duftnoten und Akkorde hat. Inspirationen für die Entwicklung eigener Rezepturen kann man übrigens auch aus seinem Alltag, Urlaubsreisen, Kunst und Gemälden oder der Fantasie gewinnen.

 

Nehmen Sie Kontakt zu den Marken in derartigen Fragen auf und wenn ja, wie reagieren die? 

Stammermann: Derzeit planen wir keine Kooperationen mit anderen Parfummarken. Im Segment individueller Parfums sind wir mit über sechs Jahren Erfahrung, Auszeichnung mit dem Global Innovation Award und über 90.000 Kunden weltweiter Marktführer. Mit dem Abschluss unserer sehr erfolgreichen Crowdinvesting-Kampagne vor wenigen Wochen gehen wir nun die nächsten Schritte bei der Etablierung des individuellen Parfums.

 

Der Manufaktur-Ansatz skaliert nur sehr bedingt. Wäre es denkbar, dass man Ihren Ansatz als Whitelabel den Marken zur Verfügung stellt? 

Stammermann: Unser Fokus für die kommenden Jahre liegt in der Intensivierung unserer Vertriebsaktivitäten. Nachdem wir mit dem Vertrieb über unsere eigene Website und unserem Berliner Flagshipstore umfangreiche Erfahrungen sammeln und einen Proof of Concept erbringen konnten, skalieren wir nun den Vertrieb über ausgewählte etablierte Parfümeriepartner. Die Operations sind aufgrund unserer spezialisierten Fertigungsprozesse sehr gut skalierbar. Eine Whitelabel-Lösung ist für uns derzeit nicht vorstellbar.

 

Duftbar

Duftbar: Mehr Präsenz im stationären Handel sollen MyParfum beim Wachstum helfen

 

Gibt es Ansätze und Ideen, MyParfum zu stationärer Präsenz zu verhelfen?

Stammermann: Im Rahmen unserer Multi-Channel-Strategie verknüpfen wir On- und Offline und machen das individuelle Parfum in Zukunft auch vor Ort erlebbar. Dabei skalieren wir nicht über eigene Filialen, sondern bieten das individuelle Parfum flächendeckend in etablierten Parfümerien mittels der sogenannten „MyParfum Duftbar“ an. Diese Point-of-Sale-Lösung wird in Filialen von Partner-Parfümerien integriert und erlaubt es Kunden mittels iPad das individuelle Parfum zusammenzustellen und anhand der vorhandenen Duftproben vorab einen Eindruck der persönlichen Kreation zu bekommen. So ist Probeschnuppern möglich, die Lieferung erhält der Kunde binnen drei Tagen in die Filiale. Die ersten Duftbars sind derzeit in Produktion und werden in den nächsten Wochen ausgeliefert. Eine flächendeckende Verfügbarkeit in bis zu 240 Filialen im deutschsprachigen Raum soll in den Folgejahren realisiert werden. Auch im Onlinebereich arbeiten wir zukünftig mit ausgewählten Partner-Parfümerien mittels unseres „Online-Duftdesigners“ als Embedded Solution zusammen. Der Kunde bestellt also bei seiner Lieblings-Onlineparfümerie, die Fertigung und Versandabwicklung übernehmen wir.

 

Frau Stammermann, wir freuen uns auf Ihren Vortrag auf der Neocom.

Ioana Sträter
Ioana Sträter
Ioana Sträter

Ioana Sträter verantwortet als Geschäftsführerin das Kongress- und Messeprogramm von Management Forum, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Handelsblatt. Zum Portfolio gehören neben der NEOCOM auch der Deutsche Handelskongress, der Deutsche Marketingtag, die Content World Konferenz und viele mehr.

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