23.–24. Oktober 2018 | Kameha Grand, Bonn

Wachsen mit Wertschöpfung – Interview mit Max Wittrock, Gründer MyMuesli11.09.2014

MyMuesli galt jahrelang als Vorzeigestartup und Blaupause für die Personalisierung von Produkten. In den letzten sieben Jahren hat man in Passau allerdings auch gelernt, dass es für Onliner keineswegs einfach ist, in den Retail vorzudringen.


 

Max_Wittrock

Wie geht es MyMuesli?

Max Wittrock: MyMuesli geht es gut, MyMuesli wächst, aber wir haben jetzt auch Kanäle beschritten, die neu für uns sind und die Lernkurve ist immer noch ziemlich steil. Wir merken, dass jeder Kanal seine eigenen Herausforderungen mit sich bringt, aber sonst wäre es auch langweilig.

 

Welche Herausforderungen?

Wittrock: Seit 2012 haben wir drei reale Shops in München, Passau und Regensburg, am Ende des Jahres werden es 15 sein, einer davon in Wien, Österreich – und schon allein die dezentrale Steuerung ist eine Herausforderung. Den Onlineshop kann man zentral steuern, wie aber bekommt man die gleiche User Experience über verschiedene Kanäle hinweg harmonisiert? Das ist eine echte Managementaufgabe.

Ein sehr großer Vorteil ist, dass wir keine Investoren mehr im Hintergrund haben, für die man bestimmte Wachstumsziele erfüllen müsste. Wir wachsen in unserer eigenen Geschwindigkeit und lernen täglich Neues.

 

Ist das Kaufverhalten im Shop anders, als online?

Wittrock: Wir wissen, dass wir grundsätzlich eine breite Auswahl brauchen und das versuchen wir im Handel auch abzubilden. Es gibt je nach Markt 20 bis 40 verschiedenen Müslis. Wenn das nicht reicht, musst Du auf der Website selbst mischen. Wir glauben fest daran, dass sich die Kanäle nicht ausschließen sondern ergänzen.

 

Können die User im Laden eigene Mischungen zusammenstellen?

Wittrock: Das haben wir versucht, doch das wurde fast nicht genutzt. In München hatten wir sogar mal ein Terminal dafür, einen großen Bildschirm mit einem iPad als Interface. Es könnte auch daran liegen, dass der Kunde das Müsli ja nicht gleich bekommt. Man muss da den Usecase unterscheiden. Bei direkten Bestellvorgängen, wo die Ware gleich mitgenommen werden kann, sieht das vielleicht auch anders aus.

 

Gibt es in den Läden einen absoluten Topseller?

Wittrock: Da bin ich immer vorsichtig. Man kann das auf einer Retailfläche ja extrem steuern, indem man ein Müsli zum Beispiel direkt am Eingang platziert. Generell laufen aber zum Beispiel die Städte-Müslis gut, weil sie auch von Touristen gekauft werden. Und dann sind es Klassiker wie Blaubeer-Müsli oder Schokomüsli. Das ist für viele der einfache Einstieg. Unterschiede zu online gibt es eigentlich nicht. Das Kaufverhalten über die Kanäle hinweg ist schon sehr ähnlich. Viele Kunden wechseln auch häufig den Kanal, kaufen also beispielsweise online, aber wenn sie dann mal in der Nähe eines mymuesli-Ladens sind, holen sie dort ihren Monatsvorrat oder gehen in den Supermarkt um die Ecke.

 

Wie optimiert Ihr das Sortiment in den Supermärkten, wo ihr wenig Fläche zur Verfügung habt?

Wittrock: Das ist ein spannender Lerneffekt gewesen. Mit den Supermärkten erreichen wir zwar neue Zielgruppen, aber wir können viel weniger testen und experimentieren. Der Markt kann ja nicht alle drei Tage umbauen. Aber hier haben wir natürlich unseren USP als Onlinehändler. Wenn wir wissen, was bei uns online funktioniert, haben wir keinen Grund anzunehmen, dass das im Handel nicht funktionieren würde. Wir testen also im Prinzip ständig. Marktforschung wie man sie kennt, so mit Fragebögen zum Beispiel vor dem Regal, betreiben wir eigentlich nie. Der Supermarktleiter wird nie das Testkaninchen sein, auf dessen Rücken wir das austragen.

 

Eure Wachstumsstrategie sieht unter anderem vor, dass Ihr entlang der Wertschöpfungskette wachst. Wie muss man sich das vorstellen.

Wittrock: Wir sind zum Beispiel an einem unserer Apfellieferanten beteiligt und können hier auch Einfluss auf die Qualität der gelieferten Produkte ausüben. Noch tiefer sind wir im Bereich Schokolierung vorgedrungen. Das ist eine Wissenschaft für sich. Das machen wir seit kurzem fast komplett selber. Wir haben dafür nun einen eigenen Chocolatier. Das hätten wir vor drei, vier Jahren auch nicht gedacht.

Dagegen gehen wir das Thema Internationalisierung derzeit eher langsam an. Niederlande läuft schon recht gut, aber wir haben auf den bestehenden Märkten so viel zu tun und dort gibt es so viel Wachstumspotential, das lastet und schon gut aus.

 

frank_simon

Frank Simon ist der neue Chocolatier bei MyMuesli und steht für das Wachstum der Passauer entlang der Wertschöpfung

 

 

Kurz noch zum Thema Retail: Welche Erfahrungen habt Ihr in München mit den Beacons von Barcoo gemacht?

Wittrock: Da wir kein Konzern sind, brauchen wir keine drei Jahre, um so etwas vorzubereiten. Ich fand den Ansatz interessant und deshalb haben wir das getestet. Es ist aber nur ein Mosaiksteinchen im Marketing. Wir können nach fünf Monaten noch nicht zu 100 Prozent sagen, ob man das ausweiten sollte, aber darum geht es ja noch nicht: Da muss auf Kundenseite noch mehr passieren, solche Angebote müssen generell alltäglicher werden, dann nutzen es auch mehr Menschen. Doch die Transaktionen, die wir machen, sind sehr vielversprechend und deswegen war und ist die Kooperation absolut positiv.

 

Habt Ihr unterschiedliche Kommunikationsthemen bei den Beacons ausprobiert?

Wittrock: Ja. Wir haben zum Beispiel eine Promotion für ein Neuprodukt – die Müslidrinks – dort probiert. Das ist eine schöne Möglichkeit um Kommunikation zu beginnen. Die Nutzer mit Interesse fragen nach, die anderen haben ihre Ruhe und werden nicht von einem aus ihrer Sicht möglicherweise aufdringlichen Verkäufer auf zig Neuprodukte aufmerksam gemacht. Das soll aber nicht heißen, dass solche Technologien jemals Mitarbeiter ersetzen könnten, ohne die würde kein Laden von uns laufen. Denn gerade die Beratung ist bei Food-Themen sehr wichtig.

 

Bis Ende des Jahres wird es 15 MyMuesli-Läden geben

Bis Ende des Jahres wird es 15 MyMuesli-Läden geben

 

 

Steht Same-Day-Delivery bei euch auf der Agenda?

Wittrock: Wir versuchen schneller zu werden, aber es hat nicht die höchste Dringlichkeit. Im Weihnachtsgeschäft werden wir einen Test starten und beispielsweise Adventskalender, die im Shop bestellt werden, am gleichen Tag zuzustellen. Aber der größere Fokus liegt auf der Effizienzoptimierung. Wir versuchen so wenig „konzernig“ wie möglich zu werden, um schnell und agil zu bleiben. Aktuell haben wir immer noch die vorausschauende Bedarfsplanung auf der Agenda. Dazu bedienen wir uns des Kanban-Ansatzes. Das wird vielfach in der Automobilindustrie eingesetzt.

 

Was war Deine wichtigste Lektion in den letzten sieben Jahren?

Wittrock: Alle reden davon, dass es für den Retail und Offliner schwierig ist, gute Onlineshops zu betreiben. Umgekehrt ist es mindestens genauso schwierig.

 

Max, vielen Dank für dieses Gespräch, wir freuen uns auf die Podiumsdiskussion mit Dir im Rahmen der Neocom.

Ioana Sträter
Ioana Sträter
Ioana Sträter

Ioana Sträter verantwortete als ehemalige Geschäftsführerin das Kongress- und Messeprogramm von Management Forum, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Handelsblatt. Zum Portfolio gehören neben der NEOCOM auch der Deutsche Handelskongress, der Deutsche Marketingtag, die Content World Konferenz und viele mehr.

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